Neuro-Urologie - Neuromodulation gegen Blasenfunktionsstörungen

Unsere Neuro-Urologie leitet eine vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützte wegweisende Studie zur Vorbeugung von Blasenfunktionsstörungen in der Frühphase nach Rückenmarksverletzung: TASCI - Transcutaneous tibial nerve stimulation in patients with Acute Spinal Cord Injury to prevent neurogenic detrusor overativity: a nationwide randomized, sham-controlled, double-blind clinical trial.

Prof. Dr. med. Thomas M. Kessler
Chefarzt Neuro-Urologie

Dr. sc. ETH Martina D. Liechti
Studienkoordinatorin Neuro-Urologie

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Rückenmarksverletzungen führen zu Blasenfunktionsstörungen, die oft die Lebensqualität massiv beeinträchtigen und die Nierenfunktion gefährden können. In der TASCI-Studie wird untersucht, ob durch eine Stromtherapie, eine sogenannte «Neuromodulation», die Entwicklung gefährlicher Blasenfunktionsstörungen verhindert werden kann.

Worum geht es in der Studie?
Tritt eine Rückenmarksverletzung ein, kommt es in den meisten Fällen zu einer gestörten Wahrnehmung der Blasenfüllung, zu einer unvollständigen Blasenentleerung sowie zu Harninkontinenz. Ohne urologische Massnahmen drohen Schädigungen des Harntrakts bis hin zu Nierenversagen. Durch eine Neuromodulation sollen über bestimmte Nervenbahnen jene Reflexe erhalten bleiben, die zur korrekten Funktion von Harnblase und Schliessmuskel notwendig sind. Die Harnblase würde damit trotz Rückenmarksverletzung weitgehend funktionieren und die Patienten hätten weniger Komplikationen zu befürchten.
Unser Team untersucht, ob gravierenden Störungen der Blasenfunktion dank frühzeitigem Behandlungsbeginn nach Rückenmarksverletzung durch eine Neuromodulation vorgebeugt werden kann. In dieser Studie erhalten Rückenmarksverletzte über mehrere Wochen jeden Tag eine Stromtherapie. Dabei wird der Schienbein-Nerv (Tibial-Nerv) mittels elektrischer Reizung über Klebeelektroden stimuliert (transkutane tibiale Nervenstimulation: TTNS). Insgesamt werden 114 Patienten in die Studie eingeschlossen und nach dem Zufallsprinzip in 2 Gruppen aufgeteilt: Bei 57 Patienten wird die TTNS wirklich durchgeführt, bei 57 Patienten erfolgt nur eine Scheinbehandlung (sham). Weder Patienten noch behandelnde ÄrztInnen kennen die Gruppen-Zuteilung, es handelt sich um eine doppel-blinde Studie.

Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für die Betroffenen?
Bis anhin werden Blasenfunktionsstörungen nach Rückenmarksverletzung meistens erst bei Auftreten von Beschwerden behandelt. Die Therapien sind oft ungenügend wirksam oder mit relevanten Nebenwirkungen verbunden. So brauchen wir dringend neue Behandlungsmethoden, welche Blasenfunktionsstörungen verhindern können, bevor irreversible Schädigungen auftreten. Wenn sich die Neuromodulation als erfolgreich herausstellen sollte, wäre dies ein Meilenstein in der Rehabilitation der Blasenfunktion bei Rückenmarksverletzten. Statt der Behandlung einer bereits bestehenden Blasenfunktionsstörung würde die Vorbeugung (Prävention) in den Vordergrund rücken und so das Blasenmanagement massgeblich verändern.

Multizentrische SNF-Studie
Das TASCI-Projekt erfolgt in Zusammenarbeit mit allen Paraplegiker-Zentren der Schweiz, die bereits im Rahmen von SwiSCI (Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study) kollaborieren. Dazu zählen die Universitätsklinik Balgrist in Zürich, das Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, das REHAB Basel und die Clinique Romande de Réadaption in Sion. Die Gesamtleitung obliegt Prof. Dr. Thomas M. Kessler (Universitätsklinik Balgrist) in Zusammenarbeit mit Dr. Martin Brinkhof (Schweizer Paraplegiker Forschung), Prof. Dr. Jürgen Pannek (Schweizer Paraplegiker Zentrum) und Prof. Dr. Armin Curt (Universitätsklinik Balgrist).